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Ohne Lobby bist Du tot

Ohne Lobby bist Du tot Ein Blog von Mag. Wolfgang Lusak * Wer sind Sie? Bauer? Beamter? Student? ÖBB- oder Nationalbank-Mitarbeiter? Mindestlohnempfänger oder Arbeitsloser? Ein Mensch „mit Migrationshintergrund“? Führungskraft in einem „staatstragenden“ Wirtschaftszweig? Topmanager in einem Finanz-, Mineralöl- oder sonstigem Weltkonzern? Sonstiger Angehöriger einer Minderheit?

Ja? Sie haben einen Riesenvorteil: In der Logik der auf abgrenzbare Zielgruppen ausgerichteten westlichen Parteien-Demokratie sind Sie Mitglied einer relevanten „Klientel“ oder „Lobby“ - beide Begriffe werden sich immer ähnlicher wenn sie auch aus gänzlich unterschiedlichen Richtungen kommen - und werden somit mit Ihren Bedürfnissen von zumindest einer sog. Großpartei berücksichtigt und entsprechend unterstützt. Nein? Sie Ärmster. Dann gibt es für Sie keine Agrarförderung, Sie erhalten keine 80%-Pension, keine Gratis-Leistungen oder Mindestsicherung, es werden keine Lichtermeere für Sie entzündet, Sie werden nicht vom Staat gerettet, wenn Sie Mist gebaut haben, Sie dürfen nicht mit der Dankbarkeit von mit Wahlspenden verwöhnten Politikern rechnen. Sie scheinen erstaunlich wenig Gewicht in der Politik zu haben und keine Solidarität zu verdienen. Wer sind Sie eigentlich?

Was, ein halbwegs gut verdienender Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft, ein mittelständischer Unternehmer (KMU), ein Freiberufler sind Sie? Also ein Angehörigerer des klassischen Mittelstandes? Oje, da haben Sie es nicht leicht. Denn in der schon historisch und jetzt erst recht auf Polarisierung ausgerichteten Parteien- und Interessenvertretungslandschaft fehlt es Ihnen an Profil, Auftritt und Lobby: Als besser verdienender Angestellter haben Sie kaum was von Gewerkschaft und AK und zuwenig von Ihren Vereins-Mitgliedschaften. Als KMU bleiben Sie in der WKO – trotz teilweise exzellenter Funktionärsarbeit - im alles kalmierenden Interessenausgleich mit Industrie, Banken, Konzernen und den schon fast 60% ausmachenden Einpersonen-Unternehmen (EPU) über. Als Mitglied einer Freiberufler-Kammer werden ihre bis dato wohlgeschützten Geschäftsfelder immer öfter äußeren Mitbewerbern zugänglich und damit wettbewerbsintensiver. Als Wirtschaftstreibender werden Sie generell mit gewissenlosen Spekulanten, Managern und Preistreibern in einen Topf geworfen. Auch in den Medien rührt sich wenig zu Ihren Gunsten, denn da brauchen Sie entweder ein romantisches Looser- oder eine glorioses Winner-Image - das eine verzichtbar, das andere schwer erreichbar. Eventuell hilft ein bisserl Prominenz, aber mit Dominik Heinzl ist auch nicht gut Kirschen essen. Sie sind eben ein absoluter Langweiler, völlig uncool. Wer brav viel arbeitet und Steuern zahlt, ist offenbar der ideale Opfer-Typus.

Moment! Warum führen dann alle Politiker ständig den Mittelstand, die Entlastung des Mittelstandes und ihren Einsatz für die KMU im Munde? Weil Sie genau wissen, dass sich fast alle Menschen – ganz gleich wie peripher sie sich auch tatsächlich befinden - in ihrer Sehnsucht nach Mitte, also nach Sicherheit und Geborgenheit dem Mittelstand zugehörig fühlen. Der Banker wie der Arbeiter, der Unternehmer wie der Beamte oder Pensionist. Wenn’s drauf ankommt, werden von diesen Politikern mit dem Argument der Solidarität sozial Schwache gestützt (OK), Beamten-Gehälter und Pensionen erhöht (Klientel!), es werden aber in der Krise auch Banken, Industrien und ihre Arbeiter-Arbeitsplätze unterstützt (Lobby!), es werden fahrlässig wirtschaftende Eurozonen-Länder und die mit ihnen strauchelnden Finanziers gerettet (EU-Lobbying!), es werden Klimabelastung, Umweltzerstörung und Rohstoff-Ausbeutung durch kartellartige Konzerne diesen kaum verrechnet oder gar geahndet (Global Player-Lobbying!). Das Problem des Mittelstands ist, dass er keine überschaubare, kompakte und damit politisch „gut verwertbare“, sondern eine zu große, diffuse, schwer abgrenzbare Gruppe darstellt.

Für ihn gibt es keine Solidarität. Im Gegenteil, durchwegs nachhaltig und sozial agierende KMU, Freiberufler und ihre Mitarbeitern müssen viel beitragen, während die wirklich Reichen ihre Schäfchen legal oder illegal ins Trockene bringen. Kein Wunder, dass der Mittelstand von einer Solidarität nichts mehr hören kann, welche immer nur von ihnen für andere gefordert wird, welche sie aber selbst bis zum Zusammenbruch schwächt. Eine Wahrheit musst Du, lieber, naiver Mittelständler und die mittelständische Wirtschaft einfach zur Kenntnis nehmen: Ohne (eigene) Lobby bist Du tot! Du und Deinesgleichen, Ihr seid das „schwarze Loch“ der europäischen Lobbying-Landschaft.

Was tun? Der Mittelstand und die mittelständische Wirtschaft sollten zuerst einmal endlich erkennen, dass „ein bisserl Netzwerken“ zu wenig ist und sie sich zu professionellem Lobbying hin – allein und als Gruppe – emanzipieren und ausbilden müssen. Dazu sollte vielleicht die WKO darüber nachdenken, neben Frau in der Wirtschaft, Junge Wirtschaft und den aktuell inflationären EPU-Angeboten auch eine eigene Kern-KMU-Plattform zu gründen. Auch Parteien sollten spezifisch definierte Mittelstands-Foren zulassen. Branchen- und Kammer-übergreifende Kooperationen wären höchst förderungswürdig. Demokratiepolitische Verbesserungen wie deutlich verlängerte Legislaturperioden wären natürlich auch extrem hilfreich. Mittelständische Unternehmer, ihre Mitarbeiter und Institutionen könnten Schulter an Schulter Leitbilder und Aktivitäten für Regionen, Staaten und Europa entwickeln: Energie kommt aus der Mitte!

Denn wenn einmal durch weitere Ausblutung des Mittelstands die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft den Bach runter geht, haben wir alle nichts mehr.
(Unternehmensberater & Lobby-Coach)

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