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Viele Fragen nach Milliarden-Betrug an der Wall Street Von Andrej Sokolow, dpa


New York/Hamburg (dpa) - Der Schock sitzt tief an der Wall Street nach dem offenbar größten Wirtschaftsbetrug der Geschichte. Was bisher bekannt ist, wirft viele Fragen auf. Wie konnte der heute 70- jährige Bernard L. Madoff unter den Augen der strengen Finanzaufsicht SEC und misstrauischer Konkurrenten über Jahre ein Schneeball-System betreiben, das auf ein beispielloses Volumen von 50 Milliarden Dollar angeschwollen sein soll? Wieso gingen alle Kontrollen ins Leere? Warum wurden alle Alarmsignale überhört?

Antworten sind vorerst nicht in Sicht. Denn obwohl die SEC Madoffs Firma schon 1992 zum ersten Mal direkt auf den Verdacht eines Schneeball-Systems untersuchte und 2005 sowie im vergangenen Jahr weitere Kontrollen folgten - die bisherigen Vorwürfe der SEC und der Bundespolizei FBI beruhen fast ausschließlich auf den eigenen Worten des mutmaßlichen Milliardenbetrügers. Und das meiste davon hat er nicht einmal den FBI-Agenten gesagt, sondern zwei seiner wichtigsten Mitarbeiter - laut Medienberichten handelt es sich um seine Söhne - die danach den Schwindel gemeldet haben. Haben sich die US-Behörden als unfähig erwiesen, einen Milliardenschwindel vor ihrer eigenen Nase zu bemerken?

Warnsignale gab es viele in den vergangenen Jahren. Die Geldanlage bei Madoff garantierte stabile acht bis zwölf Prozent Zinsen im Jahr - egal, wie sich die Märkte entwickelten. Unmöglich, sagten Kritiker und Konkurrenten. Schon 1999 schrieb Harry Markopolos, Mitarbeiter einer Konkurrenzfirma, der SEC unverblümt, er sehe in Madoffs Geschäften "das größte Schneeball-System der Welt". Den regelmäßigen Berichten von Madoffs Firma war zu entnehmen, dass sie nur wenige Aktien hielt - viel zu wenige für das Milliarden-Volumen, das sie haben sollte. Wenn dies jemandem auffiel, konterte Madoff, zur komplexen Geschäftsstrategie gehöre, die Aktien am Ende eines Quartals zu verkaufen.

Eine Investmentgesellschaft stimmte verdächtig, dass die angeblichen Milliardengeschäfte von einer winzigen New Yorker Firma geprüft werden. Eine Untersuchung ergab, dass der Wirtschaftsprüfer nur drei Mitarbeiter hatte, inklusiv einer Sekretärin. Die Investmentfirma riet seitdem ihren Kunden von Geschäften mit Madoff ab. Weitere Folgen gab es nicht.

Gier und Vertrauen waren die Waffen, mit denen Madoff in den vergangenen Jahren seine Anleger eroberte. Die Milliarden kamen vor allem von den Hedge-Fonds. Er galt aber auch als Geheimtip in den Golf- und Country-Clubs von Florida. Kunden gewannen neue Kunden - und verwiesen dabei auf ihre eigenen Gewinne als bestes Argument. Laut Medienberichten war es so etwas wie ein exklusiver Club, bei dem man stolz war dazuzugehören. "Die sind doch nur neidisch", habe sie gedacht als Freunde sie zu warnen versuchten, erinnert sich eine Madoff-Kundin heute im "Wall Street Journal". Die Frau hatte einige geerbte Millionen bei dem vermeintlichen Finanz-Genie angelegt und davon gelebt. Nun stellt sie sich darauf ein, sich wieder einen Job zu suchen.

Ein früherer Finanzanalyst, der mit elf Millionen Dollar Madoffs fast sein gesamtes Vermögen anvertraut hatte, gibt zu, dass er für den Finanzjongleur guten Gewissens viele neue Kunden geworben hat. "Bernie" habe immer gesagt: "Lass' sie klein einsteigen, und wenn sie ein Paar Jahre zufrieden sind, können sie mehr Investieren." Die Spanne gehe vom Lehrer, der 50 000 Dollar anlegt, bis zum Unternehmer, der gleich mit mehreren Millionen dabei ist.

In den USA kennt man das Schneeball-System unter dem Namen "Ponzi Scheme". Der italienische Einwanderer Charles Ponzi hatte das Betrugsprinzip zwar nicht erfunden, aber berühmt gemacht. 1920 versprach er in Boston in 45 Tagen einen Gewinn von 50 Prozent, und in 90 Tagen eine Verdoppelung des Einsatzes. Bis der Schwindel zusammenbrach hatte er bei rund 40 000 Menschen 15 Millionen Dollar eingesammelt. Das wären in heutigem Geld etwa 162 Millionen, rechnete das "Wall Street Journal" vor. Hedge-Fonds-Milliarden gab es damals noch nicht.
dpa so yyzz a3 pi
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