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"Schuld" an der Finanzkrise - auch der Glaube an die Mathematik? Von Hans-Hermann Nikolei, dpa
Vorsicht vor dem "Nur-Chartjünger", der vor lauter Bäumen (Kurven, Kehrtwendungen, Haltezonen, Kaufsignalen und mehr)nicht mehr den Wald sieht.
"Schuld" ist vielfach vielleicht die Mathematikgläubigkeit, die den "gesunden Menschenverstand" ersetzt hat.

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Paris (dpa) - Alle Welt ist sich einig: Die Finanzmärkte müssen besser überwacht werden, um Systemkrisen künftig auszuschließen. Denn die Risiken müssen erkannt und begrenzt werden. Dabei scheint klar zu sein, wer an der aktuellen Krise "schuld ist": verantwortungslose Hedgefonds in fernen Steuerparadiesen, raffgierige Banker, die bedenkenlos Kredite verteilen und Aktienhändler, die mit risikoreichen Wetten auf "Derivate" das Geld anderer Leute "ins Börsenkasino tragen".

Entsprechend sind die angebotenen Lösungen. Sie heißen "mehr Aufsicht" und "bessere Regeln". Die Banker dürfen nicht mehr mit Prämien verleitet werden, Risiken "unter den Teppich zu kehren". Behörden müssen ihnen dabei auf die Finger gucken. Doch was ist, wenn die "Schurken und Hasardeure" der Finanzwelt und ihre "hochriskanten Derivate" gar nicht das (einzige) Problem sind?

Schließlich wollen die Bankiers ihre eigenen Unternehmen ja gar nicht gefährden und beschäftigen daher Heerscharen von "Risikomanagern". Und das sind intelligente und hoch qualifizierte Leute, die mit komplexen mathematischen Modellen die Risiken nach objektiven Kriterien berechnen. Allerdings: Genützt hat das nichts. Und wenn "die Modelle schuld" sind - oder der Umgang mit ihnen?

Die jetzt als "Risikoprodukte" kritisierten Derivate gelten bei Experten jedenfalls als unverzichtbar und handhabbar. Derivate helfen Airbus, sich gegen einen Dollarverfall abzusichern und Lufthansa beim Ausgleich von Ölpreisschwankungen. Sie ermöglichten sogar die Versicherung riesiger Wirbelsturmschäden in der Karibik, erklärt der Vizepräsident der Uni Paris-Dauphine, Elyès Jouini, in der "Monde".

Allerdings muss jedem Akteur immer klar bleiben, welches Risiko bei ihm liegt. Mit dem Modell des "value at risk" kann eine Bank zum Beispiel das für bestimmte Geschäftsrisiken nötige Eigenkapital bestimmen. Händler arbeiten mit solchen Programmen. Und die Risikomanager natürlich auch. Doch in der Branche gilt mittlerweile das Bonmot: "Je mehr Risikomanager eine Bank beschäftigt, desto größer ist das Risiko."

Jouini und der Finanzberater Denis Chemillier-Gendreau meinen, die Experten hätten zu viel Vertrauen in ihre Rechenmodelle. Eine "ganze Generation Zauberlehrlinge" verlasse sich auf die falsche Sicherheit der exakten Zahlen. Die Grundannahmen und Vereinfachungen der Modelle würden im Alltag vergessen.

Seit Jahrzehnten sind mathematische Modelle in der Finanzwelt auf dem Siegeszug. Die Amerikaner Robert C. Merton und Myron S. Scholes erhielten dafür 1997 sogar den Nobelpreis. Man berechnet zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen, Kursbewegungen und Kapitalbedarf. Vieles baut auf dem Vorbild der Brownschen Bewegung auf, also der 1827 von Robert Brown beschriebenen Zitterbewegung von Pollen, die in einer Flüssigkeit von Wassermolekülen angestoßen werden. Wie eine Wettervorhersage in extremen Wetterlagen versagen solche Modelle aber, wenn am Markt Dominoeffekte auftreten.

Professor Laurent Lafforgue vom Forschungsinstitut IHES kritisiert in einer vom "Figaro" organisierten Debatte die "ausschließlich technische und abstrakte Sichtweise" der Modellnutzer. "Manche Finanzmathematiker sind erschrocken über den Umgang mit ihren Modellen", sagt Stéphane Jaffard, Präsident der Mathematischen Gesellschaft Frankreichs. Der Eindruck, das Risiko verschwinde, verleite dazu, sich unkalkulierbareren Risiken zuzuwenden, ergänzt Professorin Nicole El Kaouri von der Pariser Universität VI.

Auf dem Washingtoner Finanzgipfel hielten die Großen der Welt fest: "Politiker und Überwachungsinstanzen haben es nicht vermocht, die Risiken richtig einzuschätzen, die in den Finanzmärkten entstanden sind, und dem Rhythmus der Finanzinnovationen zu folgen." Doch das gilt auch für die Experten in den Banken selbst. Risiken wurden nicht nur vertuscht, sondern wohl auch schlicht nicht erkannt. "Schuld" ist vielfach vielleicht die Mathematikgläubigkeit, die den "gesunden Menschenverstand" ersetzt hat.
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